Der epd hat anlässlich des 25-jährigen Vereinsjubiläums über das Wohnschiffprojekt geschrieben und uns die Veröffentlichung des Textes direkt im Vereins-Blog freigegeben:


Seit 25 Jahren betreut das «Wohnschiffprojekt Altona» Flüchtlingskinder in Hamburg. In Sportkursen und auf Ausflügen sollen sie für einen Moment die Enge der Unterkünfte vergessen und einfach Kind sein dürfen.


Hamburg (epd – Imke Plesch). An den Moment, an dem sie das erste Mal in der Ostsee stand, erinnert sich Marija Kurti noch ganz genau: «Als ich Wasser in den Mund bekam, habe ich gemerkt, dass es salzig schmeckt. Ich war ganz aufgeregt! Ich wusste das vorher nicht, es war mein erstes Mal am Meer.» Die heute 25-Jährige war als Jugendliche mit dem Hamburger Verein «Wohnschiffprojekt Altona» mit anderen geflüchteten Kindern zu einem Ausflug an die Ostsee gefahren.

Seit 25 Jahren betreut «Wohnschiffprojekt Altona» Flüchtlingskinder in Hamburg. Der Name leitet sich von den Altonaer Flüchtlingsschiffen ab, die die Sozialbehörde ab 1989 gechartert hatte: schwimmende Containerunterkünfte im Hamburger Hafen, in denen zunächst Übersiedler aus der DDR, dann Aussiedler und Flüchtlinge vor dem Jugoslawien-Krieg untergebracht wurden. Die Schiffe waren schnell überfüllt, in den engen Kabinen gab es keine Privatsphäre und keinen Platz zum Spielen für die Kinder.

«Das antirassistische Telefon – eine Anlaufstelle für Opfer von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte – hat dann ein Zelt vor den Schiffen aufgestellt, in dem ein Programm für die Kinder angeboten wurde», erzählt Reimer Dohrn, heute erster Vorsitzender des Wohnschiffprojekts. Er kam damals als Erzieher mit Kindern seines Schülerhortes in das Zelt. Aus diesem Kinderprogramm entwickelte sich das Wohnschiffprojekt, das seit 1996 ein eingetragener Verein ist. «Wir wollten den Menschen helfen, sich in Hamburg zurecht zu finden», erinnert sich der 64-Jährige.

Die Angebote für die Kinder werden nach und nach ausgeweitet: Es gibt Fotoworkshops und Sportkurse, Nachhilfe, Sprachkurse und Berufsberatung. Auch Ausflüge ans Meer oder in die nähere Umgebung bieten den Kindern Erholung vom Alltag in den Unterkünften. Oft verlassen sie so zum ersten Mal überhaupt ihr Stadtviertel.

Seit der Vereinsgründung ist terre des hommes Projektpartner. Viele Organisationen, Stiftungen, Firmen und Einzelpersonen unterstützen die Arbeit. Auch die Stadt Hamburg gibt Fördermittel.
2006 wurden die Schiffe abgeschafft und die Menschen verlegt. Heute betreut der Verein vor allem Kinder im Stadtteil Billbrook in den Folgeunterkünften Billstieg und Berzeliusstraße. Auch Marija Kurti kam in der Unterkunft Billstieg mit dem Wohnschiffprojekt in Kontakt. Die ältere Schwester der serbischen Roma dolmetschte bei verschiedenen Kursen. Kurti half mit und übernahm schließlich ganz,
als ihre Schwester wegzog.

«Diese Kurse waren der einzige Moment, in dem ich meine Probleme und Ängste vergessen konnte», erzählt Kurti . «Ich konnte dort einfach Kind sein und musste nicht an Aufenthaltsgenehmigungen oder
die Ausländerbehörde denken.» Bis heute betreut die medizinische Fachangestellte ehrenamtlich am Wochenende einen Sport- und einen Mädchenkurs. «Ich möchte etwas zurückgeben.» Wie Kurti hat mehr als die Hälfte der etwa 40 Engagierten einen Flucht- oder Migrationshintergrund.

Der Vereinsvorsitzende betont auch die politischen Forderungen des Wohnschiffprojektes. Dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft das Recht auf Wohnen abgesprochen werde, sei eine massive Grundrechtsverletzung sagt Dohrn. Das Wohnschiffprojekt setzt sich für eine humane Flüchtlingspolitik und eine ausreichende Versorgung mit Sozialwohnungen ein.

Während der Corona-Pandemie mussten viele Angebote ausfallen, berichtet Koordinator Fabian Waibel. Nun seien aber endlich wieder Veranstaltungen vor Ort erlaubt: «Unsere Freude ist groß.» Im kommenden Jahr soll das große Familienfest zum 25-jährigen Bestehen mit Kindern, Eltern, aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern und Förderern nachgeholt werden.

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